Morgenzeitung

Vom Schreibtisch

Regeln, Reformen und eine Institution in Sachen Rechtschreibung: Eine kurze Geschichte des „Dudens“

Jeder kennt ihn. Fast alle, die schreiben, benutzen ihn: den „Duden. Die deutsche Rechtschreibung“. Das klassisch gelbe Wörterbuch erschien 2017 in nunmehr 27. Auflage. Die vorerst letzte Ausgabe des Rechtschreibdudens ...
Jeder kennt ihn. Fast alle, die schreiben, benutzen ihn: den „Duden. Die deutsche Rechtschreibung“. Das klassische gelbe Wörterbuch erschien 2017 in nunmehr 27. Auflage. Die vorerst letzte Ausgabe des Rechtschreibdudens wartet mit annähernd 145.000 Einträgen und etwa 5.000 neuen Stichwörtern auf: ein Standardwerk und ein Spiegel unserer Sprachkultur. Seine Erfolgsgeschichte reicht ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts zurück.

Kleinstaaterei, politische Zersplitterung und wild wuchernde orthografische „Hausregeln“ in jedem einzelnen Landkreis, jeder Schule, jeder Behörde und jedem Buchverlag: So sah Deutschland vor anderthalb Jahrhunderten aus. 1871 machte der neu gegründete deutsche Nationalstaat dem Nebeneinander von fünfundzwanzig souveränen Einzelstaaten ein Ende. Und etwa zur selben Zeit setzte sich der Historiker, Germanist und Philologe Konrad Duden für eine deutschlandweit verbindliche Orthografie ein. Duden war als Gymnasialdirektor im thüringischen Schleiz tätig, als er „Die deutsche Rechtschreibung“ herausbrachte. 1872 war das. Der Prototyp des „Dudens“ enthielt Rechtschreibregeln und ein Wörterverzeichnis für den Schulgebrauch: Konrad Duden katapultierte sich schlagartig in den Kreis der Experten um die deutsche Orthografie und Grammatik hinein.

Orthografie, Grammatik, Interpunktion: Kurze Geschichte des Dudens und der deutschen Rechtschreibung
Im Januar 1876 nahm er an den Berliner „Verhandlungen zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschreibung“ teil. Etwas später fand sein „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ landesweit Verbreitung. 1880 im Leipziger Verlag „Bibliographisches Institut“ veröffentlicht, bot der sogenannte „Urduden“ rund 27.000 Stichwörter: nicht nur für den Schulalltag, sondern gleichfalls für den allgemeinen Gebrauch. Konrad Duden berücksichtigte bayrische Standards, orientierte sich jedoch vordergründig an preußischen Regeln. Preußen war unter Otto von Bismarck zu federführender Macht aufgestiegen und hatte die deutsche Reichsgründung vorangetrieben – Jahre später trat die preußische Rechtschreibung ihren Siegeszug in ganz Deutschland an. Dass ausgerechnet Bismarck gegen die bindende Anwendung preußischer Schreibweisen Stellung bezog, gehört zu den Kapriolen der Geschichte.

Eine wirkliche Einheitsorthografie ließ bis ins frühe 20. Jahrhundert auf sich warten. Wiederum in Berlin und unter Mitwirkung von Konrad Duden abgehaltene „Beratungen über die Einheitlichkeit der deutschen Rechtschreibung“ machten die Orthografie preußischer Herkunft amtlich. Die Beratungsbeschlüsse vom Juni 1901 gingen in die 7. Auflage des „Dudens“ ein. Konrad Duden wurde von mehreren Verlagsmitarbeitern unterstützt: Die Dudenredaktion nahm ihre Arbeit auf. Ihr 1902 herausgegebenes „Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“ brachte trotz landesweiter Einheitlichkeit allerdings keine Eindeutigkeit. Weil noch immer etliche Schreibweisen zulässig waren, führte auch dieser „Duden“ mehrere Varianten pro Stichwort.

Buchdruckervereine hingegen drängten auf unmissverständliche Lösungen. Konrad Duden kam ihrem Wunsch mit seinem 1903 herausgegebenen „Buchdruckerduden“ nach. Sechs Jahre später gewannen Pläne Gestalt, die Regelwerke beider Ausgaben zusammenzuführen. Diese 9. Auflage des „Dudens“ enthielt reduzierte Schreibvarianten und kam 1915 heraus. Duden selbst erlebte die verbindliche Festschreibung der deutschen Orthografie jedoch nicht mehr mit.

Wider die Verbindlichkeit des „Dudens“: Von der Einheitsorthografie zur neuen deutschen Rechtschreibung


Konrad Duden starb am 1. August 1911: das Manuskript der Klarheit stiftenden „Duden“-Ausgabe auf dem Schreibtisch. Die Duden-Redakteure des Leipziger „Bibliographischen Instituts“ führten seine Arbeit zugunsten einer einheitlichen Rechtschreibung weiter. Die Jahre hindurch geriet ihre Wortauswahl zum Spiegel des Zeitgeistes. Im „Duden“ sammelten sich Vokabeln des Nationalsozialismus, eine bereinigte Nachkriegssprache und Stichworte aus dem ost- und westdeutschen Sprachgebrauch.

Mit der deutschen Teilung zerfiel der „Duden“ in eine Ausgabe Ost und eine Ausgabe West. Kollegialer Austausch verbot sich in Zeiten des Kalten Krieges. Dennoch lieferten beide Dudenredaktionen nahezu identische Schreibweisen gleicher Begriffe: Konrad Dudens Prinzip der Einheitsorthografie hatte sich durchgesetzt. Und kaum ein Jahr nach der Wiedervereinigung wurde auch der Wortschatz beider Teile Deutschlands wieder eins – im „Einheitsduden“ vom August 1991.

Damals waren die Initiativen um eine neue, nicht mehr von der Dudenredaktion herausgegebene Rechtschreibung bereits in vollem Gange. 1955 hatten die Kultusministerien Westdeutschlands die Orthografie des „Dudens“ bis zu amtlichen Neuregelungen für verbindlich erklärt. Diese Neuregelungen wurden in den Achtzigerjahren konkret und mündeten in der Einführung der neuen deutschen Rechtschreibung. Beteiligt waren: das Mannheimer Institut für Deutsche Sprache, die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache und (unter anderem) der Internationale Arbeitskreis für Orthographie. Letzterer gab 1995 eine Alternative zum „Duden“ heraus: die „Deutsche Rechtschreibung. Regeln und Wörterverzeichnis“. Für zukünftige Auflagen sorgte der im staatlichen Auftrag tätige Rat für deutsche Rechtschreibung. Die Dudenredaktion bekam Konkurrenz.

Die neue Rechtschreibung selbst galt ab dem 1. August 1998: mit Übergangsregelungen bis ins Jahr 2005 hinein. 2006 wurden neuerliche Änderungen vorgeschlagen und gebilligt. Ebenfalls 2006 listete die 24. Auflage des „Dudens“ alle zulässigen Schreibweisen. Stichwörter mit Variantenschreibungen waren nun mit Empfehlungen der Dudenredaktion versehen. Fast könnte man an die Zeit vor 1903, vor der eindeutigen Orthografie des „Buchdruckerdudens“ zurückdenken. Ob das Schreiben mit der Rechtschreibreform wirklich leichter geworden ist? Das mag jeder für sich beantworten.

Von neuer deutscher Rechtschreibung und italienischer Küche

Nach kurzen Vokalen „ss“ statt „ß“ zu schreiben, konnte ich mir am leichtesten merken. „Orthographie“ in „Orthografie“ und „Geographie“ in „Geografie“ umzuwandeln, war auch ganz leicht. Ein simples „t“ statt „th“ ...
Nach kurzen Vokalen „ss“ statt „ß“ zu schreiben, konnte ich mir am leichtesten merken. „Orthographie“ in „Orthografie“ und „Geographie“ in „Geografie“ umzuwandeln, war auch ganz leicht. Ein simples „t“ statt „th“ fand ich gewöhnungsbedürftig: „Tunfisch“ statt „Thunfisch“ zum Beispiel. Und angepasste Fremdwörter wie „Ketschup“, „Spagetti“ und „Pannacotta“ – nun ja. Umlernen mussten wir alle, und zwar ab August 1998. Damals wurde sie eingeführt, die neue deutsche Rechtschreibung. Die als „Schlechtschreibreform“ verspotteten Neuerungen verdanken wir der (west-)deutschen Kultusministerkonferenz. Und natürlich der Arbeit etlicher Verbände und Kommissionen. Deren Initiativen reichten bis in die Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts zurück.

Neue deutsche Rechtschreibung und italienische Küche: Geschichte der Rechtschreibreform
1985: Die am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache tätige Kommission für Rechtschreibfragen gibt „Die Rechtschreibung des Deutschen und ihre Neuregelung“ heraus.
1987: Die Kultusministerkonferenz und das Innenministerium der BRD beauftragen das Institut für Deutsche Sprache, gemeinsam mit der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache neue Rechtschreibregeln zu entwickeln.
1988 bis 1994: Der seit 1980 bestehende Internationale Arbeitskreis für Orthographie und das Institut für Deutsche Sprache legen mehrere Konzepte vor. Ihre Vorschläge werden im November 1994 gebilligt.
1995: Die Kultusministerkonferenz beschließt, die neue Rechtschreibung zum August 1998 einzuführen. Bis zum Sommer 2005 sollen Übergangsregelungen gelten.
1996: Die Dudenredaktion bringt ihren „Reformduden“ mit allen amtlichen Neuerungen heraus. Etwas später erscheint die von Internationalen Arbeitskreis für Orthographie betreute „Deutsche Rechtschreibung: Regeln und Wörterverzeichnis“.
1998: Am 14. Juli weist das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde gegen die Einführung der neuen Rechtschreibung zurück. Letztere tritt am 1. August in Kraft.

Da die vereinbarten Übergangsregelungen erst sieben Jahre später ausliefen, galt neben „neu“ gleichfalls „alt“. Behörden, Nachrichtenagenturen und die Presse stellten nach und nach auf die neue Rechtschreibung um. Dass so manche Zeitungsredaktion zu den alten und erneut zu den neuen Regeln zurückkehrte, sorgte für anhaltendes Durcheinander. Eine ganze Reihe von Verbesserungs- und Kompromissvorschlägen auch. Querelen, heftige Kritik und ebenso heftige Verteidigungsreden gehörten fast schon zur Tagesordnung.

2004: Kritiker und Befürworter der Reform schließen sich im Rat für deutsche Rechtschreibung zusammen. Experten aus Deutschland und aus dem deutschsprachigen Ausland versuchen, den Interessen beider Lager entgegenzukommen.
2006: Die staatlichen Stellen billigen die vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgelegten Änderungsvorschläge. Diese revidierte Rechtschreibung gilt ab 1. August. Sie geht in die nunmehr vom Rechtschreibrat herausgegebene „Deutsche Rechtschreibung: Regeln und Wörterverzeichnis“ ein. Parallel führt die 24. Auflage des „Dudens“ alle gültigen Schreibweisen pro Wort. Sind mehrere Schreibungen zulässig, spricht der „Duden“ Empfehlungen aus.
2010: Der Rat für deutsche Rechtschreibung empfiehlt Anpassungen des amtlichen Wörterverzeichnisses an den tatsächlichen Sprachgebrauch. Seine Mitglieder beobachten und entwickeln ihre „Deutsche Rechtschreibung“ auf Grundlage ihrer Beobachtungen weiter.

Die neue Rechtschreibung wurde harsch als staatliche Gängelung kritisiert: von oben verordnet und gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt, wie Schriftsteller von Rang und Namen wetterten. Inzwischen gehen die Präferenzen der Schreibenden unter uns in die „Deutsche Rechtschreibung“ ein. Und an alles Übrige habe zumindest ich mich gewöhnt. Selbst an „Ketschup“, „Spagetti“ und „Pannacotta“.

Qualitative Texte zu Dumpingpreisen? Ein Testbericht

Ich habe investiert. Ganze 13,27 Euro für zwei Textbeiträge, in Auftrag gegeben bei einer der führenden Billigbörsen: bei Textbroker. Man wirbt mit „Unique Content ...
Ich habe investiert. Ganze 13,27 Euro für zwei Textbeiträge, in Auftrag gegeben bei einer der führenden Billigbörsen: bei Textbroker. Man wirbt mit „Unique Content, der nicht nur Suchmaschinen, sondern auch Ihre Kunden überzeugt“. Und man verspricht einen „Pool von tausenden qualifizierten Textern“. Wie viel Qualität bekommt man für wenige Euro, wollte ich wissen. Und fährt tatsächlich gut, wer Sachtexte zu Tiefstpreisen in Auftrag gibt? Eines vorweg: Bei beiden gelieferten Manuskripten bleibt viel Luft nach oben.

Meine Versuchsanordnung


Textbroker bietet Auftraggebern unterschiedliche Qualitäts- und Preisstufen an: von der kostengünstigsten Zwei-Sterne-Kategorie zu 1,3 Cent pro Wort bis zu fünf Sternen und Preisen von 6,5 Cent pro Wort. Hinzu kommen die gesetzliche Mehrwertsteuer und pro Auftrag 35 Cent Bearbeitungspauschale.

Einen Drei-Sterne-Text und einen Vier-Sterne-Text möchte ich haben. Bei drei Sternen darf ich eine „nahezu fehlerfreie“ und „schnelle Bearbeitung der Aufträge“ erwarten. Für vier Sterne soll ich hingegen „gute, flüssig lesbare Texte für gehobene Ansprüche“ erhalten. Allerdings habe ich meine Erwartungen heruntergeschraubt. Dass für Billigbörsen tätige Texter ebenso gründlich arbeiten wie fair bezahlte Profis, halte ich für unwahrscheinlich. Dennoch lege ich Wert auf annehmbar gegliederte Manuskripte, inhaltliche Richtigkeit, angemessenen Ausdruck und weitgehend fehlerfreie Rechtschreibung – kurz: auf halbwegs tragbare Texte.

Schnorrer mit Pappschild – Rat: 50 Cent, guter Rat: 2 Dollar

Meine Textaufträge


Um einen Auftrag einzustellen, muss ich die gewünschte Mindest- und Höchstwortzahl angeben. Relevante Keywords und deren Häufigkeit kann ich festlegen. Für alles Weitere empfiehlt mir Textbroker aussagekräftige Briefings: Hinweise zu Textart und Zielgruppe, zur sprachlichen Form, zur Gliederung und zu inhaltlichen Details. Doch wer auf derlei Vorgaben verzichtet, verzichtet. Dann bleiben notwendige Grundlagen für das Gelingen eines Textes auf der Strecke. Umgekehrt erhält keinerlei Unterstützung, wer noch gar nicht weiß, wen er eigentlich ansprechen möchte. Oder welcher Sprachstil am besten passt. Niemand kitzelt fehlende Informationen aus planlosen Auftraggebern heraus, niemand bietet Beratung an.

Ich selbst lasse einen Drei-Sterne-Text über das Repertoire und die anstehenden Premieren der Oper Leipzig schreiben. Bei meinem Vier-Sterne-Auftrag soll es um den Fitnessanbieter LES MILLS und dessen Langhantelprogramm BODYPUMP gehen. In beiden Fällen treffe ich klare Aussagen zu allen wesentlichen Gestaltungskriterien: nachzulesen unter Briefing: Oper Leipzig und Briefing: LES MILLS BODYPUMP.

„Meine“ Autoren


Den Text über die Oper Leipzig verfasst ein pensionierter Kriminalbeamter namens „Dallwitz“. Der Beitrag über LES MILLS BODYPUMP stammt von „Liz“: laut Autorenprofil Foodstylistin von Beruf. Textbroker hat ihre bisherige Arbeit bewertet. Wer für die Plattform schreiben möchte, muss einen Probetext vorlegen und wird als Zwei-Sterne-Autor, Drei-Sterne-Autor oder Vier-Sterne-Autor eingestuft. Auch bei späteren Kundenaufträgen folgt eine Prüfung von Gliederung, Sprachstil, Rechtschreibung und Grammatik. Die Qualität jedes Texters misst sich am Durchschnitt aller erstellten Manuskripte. Inhaltliche Fehler fließen jedoch nicht in die hauseigene Autorenbewertung ein.

Die gelieferten Texte


„Dallwitz“ und „Liz“ geben ihre Texte Saison 2016/2017 in der Oper Leipzig und LES MILLS BODYPUMP in weniger als 24 Stunden frei. Im Drei-Sterne-Text über die Oper Leipzig finde ich Kommafehler, unschöne Wortwiederholungen und ganze Sätze ohne wirklichen Mehrwert. Zudem weichen mehrere Opern- und Veranstaltungstitel von der Eigenschreibweise der Oper Leipzig ab. Einzelne Terminangaben sind falsch, referierte Inhalte wurden unausgewogen gewichtet. Und einige angeforderte Informationen fehlen. Mein Kommentar fasst alle diese Punkte zusammen. Als Hauptproblem empfinde ich die Gliederung: chronologisch statt thematisch, eher ungeordnet statt klar. Ich stelle dem abgegebenen Skript daher meine eigene Textvariante gegenüber. Stippvisite oder Wunsch-Abo? zeigt, wie ich selbst über die aktuellen Angebote der Oper Leipzig geschrieben hätte.

Der Vier-Sterne-Text über LES MILLS BODYPUMP orientiert sich stark an der von LES MILLS veröffentlichten Kursbeschreibung. Sätze wurden anders angeordnet, Formulierungen wurden variiert. Auch zusätzliche Anmerkungen tauchen auf: alles in allem ausreichend, um die von Textbroker zwischengeschaltete Plagiatsprüfung zu bestehen. Doch Stil und Tonfall wirken allzu pauschal. Der Text spiegelt weder den vermeintlichen Auftraggeber noch seine Zielgruppe: ein fiktives Fitnessstudio und dessen Mitglieder. Sprachliche Mängel und Rechtschreibfehler tun ihr Übriges. Auch hier stelle ich meinen Kommentar und meine eigene Fassung Deine Muskeln müssen brennen! ein.

Man möge lesen und sich ein Urteil bilden. Für wenige Euro wären meine Beiträge nicht zu haben gewesen. Textbroker zumindest garantiert seinen Kunden Tiefstpreise und einen Überarbeitungsdurchgang. Ob meine beiden Autoren im zweiten Anlauf bessere Ergebnisse geliefert hätten? Das bleibt Spekulation.

Geschlechtergerechte Sprache? Ein Plädoyer für das Gendern

„Die Frauenrechtler mögen verzweifeln, aber es lässt sich nun einmal nicht ändern: Die Sprache hält’s mit dem Mann. Sie ist noch immer nicht emanzipiert.“ Das schrieb Karl Kraus im Juni 1912 in seiner Zeitschrift Die Fackel – und was der Wiener Schriftsteller damals beklagte ...
„Die Frauenrechtler mögen verzweifeln, aber es lässt sich nun einmal nicht ändern: Die Sprache hält’s mit dem Mann. Sie ist noch immer nicht emanzipiert.“ Das schrieb Karl Kraus im Juni 1912 in seiner Zeitschrift Die Fackel – und was der Wiener Schriftsteller damals beklagte, hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Männliche Substantive, Artikel und Pronomen bezeichnen noch immer beide Geschlechter: Ist von „Unternehmern“, „Arbeitgebern“ oder „Mitarbeitern“ die Rede, sind in der Regel Männer und Frauen gemeint.

Sprache macht Frauen unsichtbar. Doch dass Frauen ebenso wie Männer angesprochen und anerkannt werden, wird inzwischen ausdrücklich angemahnt. Geschlechtergerechtes Sprechen und Schreiben (das sogenannte Gendern) stößt jedoch auch auf Kritik. Schreibweisen, die Männer und Frauen einschließen, mag nicht jeder: Formen wie „ArbeitgeberInnen“, „Abteilungsleiter(innen)“, „Mitarbeiter/-innen“ oder „Freiberufler_innen“. Und Kurzformen für Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau fühlen, erst recht nicht: beispielsweise die Schreibung mit Genderstern („Mitarbeiter*innen“). Geschlechtergerechte Sprache, meinen viele, führe bloß zu komplizierten und unleserlichen Texten.

Menschenmenge in Bewegung

„Das muss doch nicht sein ...“ – Argumente gegen das Gendern


Im März 2018 machte die Sparkassen-Kundin Marlies Krämer Schlagzeilen. Sie hatte eingefordert, auf Sparkassen-Formularen nicht als „Kunde“ oder „Kontoinhaber“, sondern als „Kundin“ und „Kontoinhaberin“ angesprochen zu werden. Doch der Bundesgerichtshof wies ihre Klage zurück. Sie erfahre keine Benachteiligung: weil das generische Maskulinum im Allgemeinen auch Personen bezeichne, deren natürliches Geschlecht nicht männlich sei (Urteil vom 13. März 2018).

Die deutsche Sprache unterscheidet nun einmal zwischen dem grammatischen Geschlecht (dem Genus) und dem biologischen Geschlecht (dem Sexus) – und wir alle machen uns diesen Unterschied beim Lesen von Formularen, Pressemeldungen oder Websitetexten bewusst. Und es gibt Wichtigeres als Änderungen in Wort und Schrift. Letztlich profitieren Frauen von besserer Bezahlung und echten Aufstiegschancen viel stärker als von geschlechtergerechter Sprache. Das sind zwei von vielen Argumenten, die Kritiker des Genderns vorbringen: Argumente, die hinterfragt werden sollten.

„Das muss sehr wohl sein!“ – Argumente für das Gendern


Zwei Informatiker stellen beim IT-Fachkongress neue Möglichkeiten der Datenverschlüsselung vor. Als Projektleiter berichten sie von ihrer aktuellen Arbeit. Nach ihrem Vortrag telefoniert die erste mit ihrem Mann und die zweite richtet ihr Make-up.

Überrascht? Das wäre nicht der Fall, wenn wir bei maskulinen Personenbezeichnungen tatsächlich immer an Frauen denken würden. Aber mitgemeint bedeutet nicht automatisch auch mitgedacht. Namentlich bei Berufen, die männlich besetzt sind: bei Informatikern, Handwerkern oder Wissenschaftlern. Oder bei vermeintlichen Männerdomänen wie Straftaten und Gewalt. Das generische Maskulinum lässt traditionelle Rollenbilder in unseren Köpfen entstehen: Geschlechterstereotype werden untermauert.

Zudem spielt es eben doch eine Rolle, ob grammatische und biologische Geschlechter übereinstimmen. Das hat die Universität Leipzig anschaulich demonstriert. Im Sommer 2013 wurde entschieden, ausschließlich weibliche Formen zu verwenden – und zwar für Frauen und Männer gleichermaßen. Auf dem Campus blieb natürlich alles beim Alten. Lediglich in der hochschuleigenen Grundordnung wurde der Spieß herumgedreht: Hier wurden zur Abwechslung Männer in feminine Formulierungen eingeschlossen (nachzulesen in der damaligen Pressemitteilung der Universität).

Doch Öffentlichkeit und Medien liefen Sturm. „Genderwahn auf dem Vormarsch“ titelte beispielsweise das Magazin Cicero. Das war nicht ohne Ironie: Gerade Genderkritiker und -kritikerinnen haben gezeigt, dass das (falsche) grammatische Geschlecht nicht ohne Weiteres auf das (falsche) biologische Geschlecht angewendet werden darf.

Keine Vorschriften – sondern Sprachwandel en passant


Wer beim Stichwort „gendern“ an Sprachzensur denkt, sollte sich eines bewusst machen: Sämtliche Richtlinien stellen Empfehlungen dar. Der Dudenverlag hält in seinem Leitfaden Richtig gendern keine verbindlichen Regeln fest. Auch der Rat für deutsche Rechtschreibung sprach sich gegen verpflichtende Vorgaben aus. In der Schriftsprache zeige sich „derzeit keine eindeutige Tendenz, wie durch Orthografie die Schreibung geschlechtergerecht gestaltet werden kann“, wie es in der Pressemitteilung vom 8. Juni 2018 hieß. Und im Herbst 2018 fiel die Entscheidung, Schreibweisen wie „Mitarbeiter*innen“ oder „Freiberufler_innen“ noch nicht in das amtliche Regelwerk aufzunehmen: Man wolle den allgemeinen Sprachgebrauch weiter beobachten (Pressemitteilung vom 16. November 2018).

Die Alltagssprache ist das Maß der Dinge. Und die deutsche Sprache ist kein starres System. Sie verändert sich – und werden bestimmte Begriffe oft genug verwendet, dann gehen sie in unser Schreiben und Sprechen ein. Die neutralen Bezeichnungen „Lehrende“ und „Studierende“ zum Beispiel: Seit geraumer Zeit in den Medien und im Hochschulbereich präsent, sind sie mir persönlich in Fleisch und Blut übergegangen. Bei Wörtern wie „Arbeitgebende“, „Mitarbeitende“ oder „MitarbeiterInnen“ sieht es (noch) anders aus. Ob sich diese Schreibweisen durchsetzen, bleibt abzuwarten.

Vorerst können wir bedacht und leserfreundlich gendern. Wir können Paarformen nutzen, solange unsere Texte nicht zu umständlich geraten („Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“). Wir können geläufige neutrale Begriffe heranziehen („Team“, „Angestellte“ und irgendwann vielleicht auch „Mitarbeitende“). Oder wir können abwechselnd zu weiblichen und männlichen Formen greifen. Damit machen wir Frauen wie Männer sichtbar – und zeigen allen Kritikerinnen und Kritikern, dass auch geschlechtergerechte Texte gut zu lesen sind.

Sprache in Bewegung: Dynamische Entwicklungen statt Sprachverfall und Sprachverdruss

Unsere Sprache wandelt sich. Neue Wörter gehen in die Alltagssprache ein, andere Wörter geraten in Vergessenheit. Wieder andere Wörter bekommen neue Bedeutungen eingeschrieben. Und auch Satzbau und Grammatik ändern sich beständig. Klagen über den Verfall der deutschen Sprache ...
Unsere Sprache wandelt sich. Neue Wörter gehen in die Alltagssprache ein, andere Wörter geraten in Vergessenheit. Wieder andere Wörter bekommen neue Bedeutungen eingeschrieben. Und auch Satzbau und Grammatik ändern sich beständig. Klagen über den Verfall der deutschen Sprache sind nicht weit – tatsächlich aber erweist sich unsere Sprache als schätzenswertes System voller Spielraum und Kreativität.

Neue Wörter und Wortbedeutungen


Sprachliche Neuschöpfungen sind praktische Notwendigkeiten. Sogenannte Neologismen entstehen, wenn Bezeichnungen für neue Dinge oder Umstände gesucht und gefunden werden. Zahlreiche solcher Wörter gehen in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. So haben sich Begriffe wie „Shitstorm“, „Crowdfunding“, „Onlinerecherche“, „SEO“ oder „Spam“ fest in unserem Wortschatz behauptet.

Auch soziale Gruppen prägen neue Ausdrücke: Partei- und Gewerkschaftsmitglieder, Angehörige bestimmter Berufsgruppen und natürlich Jugendliche. Viele meinen, gerade die Jugendsprache treibe den Sprachverfall voran. Doch Kritiker vergessen, dass ursprünglich zur Jugendsprache gehörende Wörter längst in aller Munde sind: „chillen“, „checken“ und „shoppen“, „abfackeln“ oder „dissen“. Kritiker vergessen ebenfalls, dass Jugendslang neue Wortbedeutungen in unserer Alltagssprache verankert. „Klarmachen“ beispielsweise heißt eigentlich, etwas verdeutlichen. Nach anfänglicher Abwandlung unter Jugendlichen steht das Verb heute gleichermaßen für „jemanden herumkriegen“. Und „etwas kassieren“ bedeutet nicht mehr nur, einen Geldbetrag einzuziehen: Es bedeutet auch, etwas Unangenehmes oder gar Schläge einstecken zu müssen.

Sprachwandel: Dynamische Entwicklungen statt Sprachverfall und Sprachverdruss

Veraltete und diskriminierende Wörter


Sprachwandel bedeutet nicht allein, dass neue Wörter in unser tägliches Sprechen und Schreiben eingehen. Sprachwandel heißt auch, dass gewisse Begriffe immer seltener verwendet werden. Zu diesen sogenannten Archaismen gehören Wörter wie „Selbstwählferndienst“, „Diskette“, „Depesche“ oder „Leumund“. Archaismen bezeichnen nicht mehr existierende oder nicht mehr zeitgemäße Dinge: Sie erscheinen altmodisch.

Wieder andere Wörter gelten als diskriminierend oder rassistisch. Sie verbieten sich je nach gesellschaftlicher Sensibilität für herabsetzende, beschämende oder verfälschende Formulierungen. So wird der Begriff „Neger“ als politisch inkorrekte Bezeichnung für Menschen mit schwarzer Hautfarbe gegeißelt. „Zigeuner“ steht als negativ aufgeladene Vokabel für Sinti und Roma in der Kritik. Und auch die Anrede „Fräulein“ stößt als verniedlichender, Frauen klein machender Ausdruck auf Ablehnung.

Verkürzte Sätze, funktionaler Satzbau


Sätze wie „Gestern war ich Disko“ oder „Geh ich lernen mit Freunden“ hören wir immer wieder. Sogenanntes Kiezdeutsch ist in Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil entstanden, wird aber von Jugendlichen aller Schichten gesprochen. Auch Kiezdeutsch gilt als handfeste Verschandelung unserer Sprache.

Allerdings greift nahezu jeder zu sprachlichen Verkürzungen und falscher Grammatik: Wir verzichten auf notwendige Artikel, Präpositionen oder Beugungsendungen. Die Feststellung „Ich habe Rücken“ ist zum Klassiker schlechthin geworden. Auch Formeln wie „kein Bock“ oder „auf Arbeit sein“ haben wir alle schon benutzt. Manche Aussagen kommen uns gar nicht mehr falsch vor. „Ich mache Abitur“ zum Beispiel: Nüchtern betrachtet verbirgt sich hinter dem ausgelassenen Artikel dasselbe Schema wie im Kiezdeutsch-Satz „Ich mach’ Ausbildung“. Wir neigen einfach dazu, nur tatsächlich Nötiges zu sagen – und manchmal auch zu schreiben.

Sprachentwicklung statt Sprachverfall


Sprachliche Neuerungen, so scheint es, haben keinen leichten Stand. Dabei sollten wir dankbar sein, dass uns ein ausgesprochen dynamisches Vokabular zur Verfügung steht. Dass sich unser Sprechen und Schreiben an kulturelle Rahmenbedingungen anpasst. Dass Sprache gesellschaftliche Prioritäten spiegelt. Und dass Veränderungen auf ihre Alltagstauglichkeit geprüft und angewandt oder wieder verworfen werden. Sprache ist immer in Bewegung und wir alle tragen zu dieser Bewegung bei.

Bildnachweise

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