Magazine

Reden & Schreiben

Freud’sche Fehlleistungen

Für Sigmund Freud sind Ver­sprecher Zeichen des Selbst­verrats. Man sagt ein Wort, das man gar nicht sagen wollte – das aber ähnlich klingt wie der ursprüng­lich beab­sichtigte Begriff. Derlei Schnitzer offen­baren, was im Unbe­wussten vorgeht. Vergleich­bares glaubt der Vater der Psycho­analyse beim Schreiben zu erkennen...
Für Sigmund Freud sind Ver­sprecher Zeichen des Selbst­verrats. Man sagt ein Wort, das man gar nicht sagen wollte – das aber ähnlich klingt wie der ursprüng­lich beab­sichtigte Begriff. Derlei Schnitzer offen­baren, was im Unbe­wussten vorgeht. Vergleich­bares glaubt der Vater der Psycho­analyse beim Schreiben zu erkennen. Wer sich klar und deut­lich ausdrückt, ist mit sich selbst im Reinen. Wer jedoch gekünst­elte Formu­lierungen wählt, trägt sich mit schweren, selbst­kritischen Gedanken. Auch Sie, liebe Leser, sind nicht vor Fehl­leistungen gefeit. Oft nämlich, notiert Freud, „ist es die Bereit­schaft des Lesers, die den Text verändert und etwas, worauf er einge­stellt oder womit er beschäftigt ist, in ihn hinein­liest. Der Text selbst braucht dem Verlesen nur dadurch entgegen­zukommen, dass er irgendeine Ähnlich­keit im Wort­bild bietet, die der Leser in seinem Sinne verändern kann.“
Zumindest sind Sie unter sich, wenn Ihnen Ihr Unter­bewusst­sein eine solche Falle stellt. Wer sich dagegen vor aller Welt ver­spricht, erntet nach­sichtiges Schmunzeln oder offenen Spott. Poli­tiker können ein Lied davon singen, und deshalb schließt dieser Bei­trag mit einer augen­zwinkernden Verbeugung vor Helmut Kohl. „Bei einem guten Koalitions­klima, wie wir es haben, wenn wir pfleg­lich mitein­ander unter­gehen ... mitein­ander umgehen“: So aufschluss­reich schätzte der frühere Bundes­kanzler und CDU-Vorsitzende im März 1989 die Regierungs­arbeit mit der FDP ein.

Weiterlesen?
Sigmund Freud: „Das Versprechen“ und „Verlesen und Verschreiben“. In: „Zur Psycho­pathologie des Alltags­lebens. Über Vergessen, Versprechen, Vergreifen, Aber­glaube und Irr­tum“. Erschienen im Fischer Taschen­buch Verlag, Frankfurt am Main.

Sprache. Macht. Realität.

Ein Satz kann etwas behaupten und sich dabei als wahr oder falsch erweisen. „Goethe starb in Weimar“ zum Beispiel. Oder „Shakes­peare war Deutscher“. Sätze können aber auch Hand­lungen vollziehen. Klingt abstrakt? Dann denken Sie mal an Aussagen wie „Sie sind ent­lassen“ oder „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“...
Ein Satz kann etwas behaupten und sich dabei als wahr oder falsch erweisen. „Goethe starb in Weimar“ zum Beispiel. Oder „Shakes­peare war Deutscher“. Sätze können aber auch Hand­lungen vollziehen. Klingt abstrakt? Dann denken Sie mal an Aussagen wie „Sie sind ent­lassen“ oder „Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau“. Solche Bot­schaften können nicht wahr oder falsch sein: Sie können glücken oder, unter Um­ständen, fehl­schlagen. Eine Trauung zum Beispiel ist in der Regel gültig, manch­mal aber auch ungültig.
Dass Sprache Tat­sachen schafft, geht auf den britischen Philo­sophen John L. Austin zurück: auf seine zwölf Harvard-Vor­lesungen aus dem Jahr 1955 und sein späteres Buch „How to do things with Words“. Stellen Sätze wahre oder falsche Behaup­tungen auf, spricht Austin von konst­ativen Sprech­akten. Aussagen mit Handlungs­potenzial bezeichnet er hingegen als performative Äußerungen. Notwendiger­weise enthalten sie Verben im Indikativ Präsens Aktiv. Der Kon­junktiv wäre kontra­produktiv. Mit dem Satz „Ich würde Sie zu Mann und Frau erklären“ vollzieht kein Standes­beamter eine Ehe­schließung. Das Adverb „hiermit“ kann performative Kräfte nach­drücklich betonen. Und das Subjekt spricht häufig, aber nicht immer in der 1. Person. Wenn Ihr Chef sagt „Sie sind ent­lassen“, dann sind Sie das auch.
Zugleich erfüllt eine solche Szene zwischen Ihnen und Ihrem Chef gebotene Rahmen­bedingungen des Perfor­mativen. Denn Ihr Arbeitgeber besitzt hinlängliche Autorität und ernste Absichten. Er dürfte nicht heucheln und Sie im Stillen, entgegen seiner gesprochenen Worte gar nicht ent­lassen wollen. Dass er sich mit der Aussage „Hiermit kündige ich Ihnen“ einen Scherz erlaubt, ist tatsächlich höchst unwahrscheinlich.

Weiterlesen?
John L. Austin: „Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words)“. Übersetzt und bearbeitet von Eike von Savigny. Erschienen im Stuttgarter Reclam Verlag.

Wortgewalt: Metaphern schaffen Werte

Metaphern interpretieren? Das war eine dieser leidigen Pflichtaufgaben im Deutschunterricht. Aber Metaphern sind mehr als dekorative Sprachbilder in Lyrik und Prosa. Sie begleiten uns im Alltag, sie bilden eine nicht zu unterschätzende Grundlage unseres Denkens und Sprechens...
Metaphern interpretieren? Das war eine dieser leidigen Pflichtaufgaben im Deutschunterricht. Aber Metaphern sind mehr als dekorative Sprachbilder in Lyrik und Prosa. Sie begleiten uns im Alltag, sie bilden eine nicht zu unterschätzende Grundlage unseres Denkens und Sprechens. Denn Metaphern verkürzen und vereinfachen: Formulierungen wie „Nadeln im Heuhaufen“, „Schnee von gestern“ oder „Spitze des Eisbergs“ bringen die Dinge knapp und verständlich auf den Punkt.
Metaphern machen selbst komplexe Inhalte anschaulich greifbar. Werden Wörter und Wortgruppen im übertragenen Sinn gebraucht, erfassen wir ihre ursprüngliche Bedeutung – und rufen damit verbundene Assoziationen ab. Bei Begriffen wie „Eurokrise“, „Rettungsschirm“, „Steueroase“ und „Steuersünder“. Oder bei Komposita wie „Flüchtlingsstrom“ und „Flüchtlingswelle“. Ist von der Eurokrise die Rede, denken wir an eine schwierige, aber zu bewältigende Situation. Lesen wir von der Selbstanzeige eines (prominenten) Steuersünders, glauben wir an ein Kavaliersdelikt und nicht an Steuerbetrug. Und geht es um anhaltende Flüchtlingswellen, sehen wir uns von einer Art Naturgewalt bedroht: Wir, nicht aber asylsuchende Menschen aus Kriegs- und Krisenregionen sind Opfer der Ereignisse.
Vereinfachende, verharmlosende und emotional aufgeladene Wendungen führen zu Fehleinschätzungen. „Metaphern“, so der Linguist George Lakoff, „verstecken und heben hervor“: Wir beziehen bestimmte Aspekte in unsere Wertungen ein und lassen andere außen vor. Wir favorisieren und übersehen. Und wir lassen uns manipulieren. Nicht nur durch Wörter wie „Eurokrise“, „Steuersünder“ und „Flüchtlingswelle“. Sondern auch durch Politiker und Manager, die von „schmerzhaften Einschnitten“ oder „harten Herausforderungen“ sprechen. Beides klingt nach ehrlicher Betroffenheit – tatsächlich gemeint sind jedoch Kürzungen und Stellenstreichungen.

Weiterlesen?
George Lakoff/Elisabeth Wehling: „Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht“. Erschienen im Carl-Auer Verlag, Heidelberg.

„Wutbürger“, „Lichtgrenze“ und „Lügenpresse“

Der Dezember ist Stich­monat für alles rund um die KFZ-Versicherung, für die frei­willige Steuer­erklärung – und für die Wahl der Wörter des Jahres. All­jährlich wählt die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache aus zahllosen Medien­beiträgen und Vor­schlägen zehn Worte und Wendungen. Prägend und populär müssen sie sein....
Der Dezember ist Stich­monat für alles rund um die KFZ-Versicherung, für die frei­willige Steuer­erklärung – und für die Wahl der Wörter des Jahres. All­jährlich wählt die Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache aus zahllosen Medien­beiträgen und Vor­schlägen zehn Worte und Wendungen. Prägend und populär müssen sie sein, den Nerv der Zeit sollen sie treffen. So finden sich in den Rankings der letzten Jahre Begriffe wie „Wutbürger“, „Arabellion“, „Schlecker-Frauen“ oder „Armutsein­wanderung“. Und im Dezember 2014, ein Viertel­jahrhundert nach dem Mauer­fall, machte das Wort „Licht­grenze“ das Rennen.
Eine ausge­sprochen kritische Initiative gibt es auch. Die Sprach­kritische Aktion: „Unwort des Jahres“ kürt Wörter, die sachlich unan­gemessen, irre­führend und gedanken­los verwendet werden. Die diffamieren und diskriminieren. Oder die Demokratie und Menschen­würde missachten. Dabei setzt die Jury aus Sprach­wissenschaft­lern, Germanisten, Journalisten und Autoren auf die Macht der Masse. Allein eingesendete Vorschläge der Bevölkerung stehen zur Wahl: Unwörter wie „Döner-Morde“, „Sozial­tourismus“ und „Lügenpresse“ spiegeln das Sprach­empfinden und die Kritik­fähigkeit unserer Gesell­schaft.
Dass Wörter und Unwörter des Jahres ihre Sprengkraft aus der Aktualität des Augenblicks schöpfen, liegt in der Natur der Sache. „Wutbürger“ setzte 2010, im Aufbe­gehren der Bevölkerung gegen scheinbar will­kürliche Politik – konkret: gegen das Bahn­projekt „Stuttgart 21“ – deut­liche Zeichen. „Schlecker-Frauen“ stand 2012, nach der Zerschlagung der insolventen Drogerie­kette Schlecker für tausende entlassene Mitarbeiter­innen. Und „Lügenpresse“ begann Ende 2014 unter Anti-Islam-Demonstranten, unter Anhängern der so genannten PEGIDA-Bewegung zu zirkulieren. Ob uns diese Wörter eines Tages genauso banal erscheinen wie „Multi­media“ aus dem Jahr 1995, „Gesundheits­reform“ aus dem Jahr 1988 oder „Ellen­bogen­gesellschaft“ aus dem Jahr 1982, wird sich zeigen.

„Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt“

Ich gebe zu: Fußball lässt mich kalt. Auch dann, wenn die Nationalelf spielt. Aber die sprach­lichen Ausfall­erscheinungen unserer Stars machen die Sache selbst für mich interessant. Hier kommen meine Top Five der abgründigsten und hinter­sinnigsten Fußballer­zitate...
Ich gebe zu: Fußball lässt mich kalt. Auch dann, wenn die Nationalelf spielt. Aber die sprach­lichen Ausfall­erscheinungen unserer Stars machen die Sache selbst für mich interessant. Hier kommen meine Top Five der abgründigsten und hinter­sinnigsten Fußballer­zitate (Mario Baslers „Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt“ läuft außer Konkurrenz):
  1. „Kompliment an meine Mann­schaft und meinen Dank an die Mediziner. Sie haben Unmensch­liches geleistet.“ (Berti Vogts)
  2. „Mein Problem ist, dass ich immer sehr selbst­kritisch bin, auch mir selbst gegenüber.“ (Andreas Möller)
  3. „Manni Bananen­flanke, ich Kopf, Tor!“ (Horst Hrubesch)
  4. „Das Chancen­plus war ausgeglichen.“ (Lothar Matthäus, gerüchte­weise)
  5. „Ich mache nie Voraus­sagen und werde das auch niemals tun.“ (Paul Gascoigne)

Die Sache mit dem Urheberrecht

Das deutsche Urheber­recht schützt geistiges Eigen­tum: Werke der Literatur, der Wissen­schaft und der Kunst. Dazu zählen Texte, Reden und Musik, Theater­performances und Filme, Foto­grafien, Grafiken, Computer­programme und selbst Tabellen. Sie gehören ihren Schöpfern...
Das deutsche Urheber­recht schützt geistiges Eigen­tum: Werke der Literatur, der Wissen­schaft und der Kunst. Dazu zählen Texte, Reden und Musik, Theater­performances und Filme, Foto­grafien, Grafiken, Computer­programme und selbst Tabellen. Sie gehören ihren Schöpfern. Wer sie verwenden, bearbeiten oder wirt­schaftlich verwerten möchte, muss Nutzungs­rechte einholen. Ein Foto, eine Illustration oder ein Video einfach auf Ihre Website stellen? Einen fremden Text in einer Broschüre oder im eigenen Magazin abdrucken? Das dürfen Sie nicht ohne die vorherige Zustimmung des Schöpfers: des Urhebers. Ein fehlender Copyright-Vermerk tut nichts zur Sache. Das Urheber­recht entsteht, sobald ein Text geschrieben, ein Foto geschossen oder ein Film gedreht wird. Es erlischt erst siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers und wird bis dahin von seinen Erben verwaltet.
Ausdrück­lich erlaubt ist jedoch die freie Benutzung: wenn Sie ein geschütztes Werk als Anregung heran­ziehen und inhalt­lichen Abstand erkennen lassen. Zulässig sind eben­falls Zitate. Sofern Sie die jeweilige Quelle eindeutig benennen, dürfen Sie Text­aus­schnitte wiedergeben und verviel­fältigen. In allen anderen Fällen gilt: Sehen Sie sich die Nutzungs­bedingungen von Bild­daten­banken, Foto­grafen, Grafikern und Text­dienst­leistern an (meine eigenen können Sie in meinen AGB nachlesen):
  • Wird die Nutzungsart (zum Beispiel der Abdruck in einem Buch oder die Veröffent­lichung im Internet) präzise bestimmt?
  • Erhalten Sie das einfache oder das aus­schließ­liche Nutzungs­recht? Letzteres berechtigt allein Sie und niemanden sonst zur Nutzung eines Textes oder einer Foto­grafie. Das einfache Nutzungs­recht tut das nicht.
  • Gewährt der Urheber beschränkte oder unbeschränkte zeit­liche, inhalt­liche und räum­liche Nutzungs­rechte? Dies entscheidet, ob Sie Bilder und Texte dauerhaft oder befristet, nur für gewisse Zwecke (etwa für journa­listische Formate), nur innerhalb Deutsch­lands oder jenseits geo­grafischer Grenzen verwenden dürfen.
  • Räumt Ihnen der Urheber das Recht ein, Texte zu kürzen oder Bilder zu bearbeiten?
Detailliertes steht in den Paragrafen 31 bis 44 des Urheber­rechts­gesetzes. Und Denkan­stöße zum Schutz geistigen Eigen­tums im Zeitalter des Internets gibt’s auf ZEIT ONLINE.

Plagiatsaffären

Der ehemalige Bundes­verteidigungs­minister Karl-Theodor zu Gutten­berg brachte die Lawine ins Rollen. Im Februar 2011 wurden Vorwürfe laut, er habe weite Teile seiner Doktor­arbeit wörtlich und ohne Nach­weise aus fremden Quellen über­nommen. Am 1. März trat er zurück, und seither ist etlichen Politikern und Politikerinnen...
Der ehemalige Bundes­verteidigungs­minister Karl-Theodor zu Gutten­berg brachte die Lawine ins Rollen. Im Februar 2011 wurden Vorwürfe laut, er habe weite Teile seiner Doktor­arbeit wörtlich und ohne Nach­weise aus fremden Quellen über­nommen. Am 1. März trat er zurück, und seither ist etlichen Politikern und Politikerinnen Ähnliches widerfahren. Zugleich sind unlauteres wissen­schaft­liches Arbeiten und der Dieb­stahl geistigen Eigen­tums in aller Munde. Das deutsche Urheber­recht kommt zwar ohne den Begriff „Plagiat“ aus. Doch geschützte Texte vorsätzlich und ohne Quellen­angabe in das eigene Manus­kript einzu­arbeiten, ist und bleibt eine Rechts­verletzung. Zu den Grund­prinzipien guter Wissen­schaft gehört:
  • Wörtlich übernommene Passagen (direkte Zitate) müssen in Anführungs­zeichen gesetzt und mit ein­deutigen Belegen versehen werden.
  • Sinngemäß wieder­gegebene Text­stellen (indirekte Zitate) dürfen nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Idealer­weise empfiehlt sich der Konjunktiv. Anführungs­zeichen erübrigen sich. Auch hier sind voll­ständige Quellen­angaben obligatorisch.
  • Dienen fremde Gedanken als Grund­lage für die eigene Argumen­tation, sind sie zu kenn­zeichnen: auch dann, wenn sie in anderen Worten referiert werden.
Allerdings wandeln sich wissen­schaft­liche Standards beständig. Heutige Regeln um richtiges Zitieren an jahr­zehnte­alte Arbeiten anzulegen, heißt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Das ist bei den Debatten um die Disser­tation der früheren Bundes­bildungs­ministerin Annette Schavan geschehen. Und wie viel Gestaltungs­freiraum ein wissen­schaft­licher Text zulässt, hängt von Fach und Thema ab. Bezieht sich eine Passage auf all­gemein­gültige Fakten, kann sie schwerlich etwas Neues, Origi­nelles bieten. Dass Studenten und Doktoranden noch so simple Aus­sagen mit drei Fuß­noten untermauern müssen – das schießt über das Ziel hinaus.

Von Geistern und Pseudonymen

Man bringt sie mit akade­mischem Betrug und einem Schatten­dasein irgendwo in der Halb­legalität in Verbindung. Doch sie schreiben nicht nur Diplom- und Doktor­arbeiten, sondern gleich­falls für Politiker, Wirt­schafts­bosse, Sportler und Prominente: Die Rede ist von Ghost­writern...
Man bringt sie mit akade­mischem Betrug und einem Schatten­dasein irgendwo in der Halb­legalität in Verbindung. Doch sie schreiben nicht nur Diplom- und Doktor­arbeiten, sondern gleich­falls für Politiker, Wirt­schafts­bosse, Sportler und Prominente: Die Rede ist von Ghost­writern.
Dieter Bohlen, Boris Becker und Andre Agassi haben ihre Auto­biografien Profis anvertraut. Der Rapper Bushido und die frühere First Lady Bettina Wulff auch. Zeit und Muße, ein Buch­manuskript gebotenen Umfangs spannend aufzu­bereiten, haben sie alle nicht. Und genug Talent? Das sei dahin­gestellt. Die mit ihren Memoiren beauf­tragten Journalisten und Autoren zumindest wissen, wie sie Leser bei der Stange halten.
Politiker stehen ohne professi­onelle Texter ohnehin auf verlorenem Posten. Ein Dutzend Reden pro Tag können in Spitzen­zeiten anstehen: Würden Staats­chefs und Minister ihre Manus­kripte selbst verfassen, bliebe das Tages­geschäft auf der Strecke. Sogar so mancher Schriftsteller kommt nicht ohne Ghost­writer aus. Dass der Viel­schreiber Alexandre Dumas der Ältere aus lauter Zeit­druck mit einer ganzen Riege von „Geistern“ zusammen­gearbeitet hat, gilt als belegt. Honoré de Balzac hat allem Anschein nach Gleiches getan. Und die Gerüchte, hinter William Shakes­peare stecke eigentlich ein anderer, halten sich seit Jahr­hunderten. Francis Bacon, Christopher Marlowe oder Edward de Vere sollen unter dem Pseudo­nym „Shakes­peare“ veröffent­licht haben – aber das ist eine andere Geschichte.

„Frau Professor“ und „Herr Professorin“

Die Anrede für alle Professoren lautet von jetzt an „Herr Professorin“. Auch für Studenten ist das grammatische Femininum obli­gatorisch. Das beschloss der Senat der Universität Leipzig im Sommer 2013. Ein Aufschrei ging durch Medien und Öffent­lich­keit. Von „Gender-Wahn“ und „Gleich­stellungs-Irrsinn“ war die Rede...
Die Anrede für alle Professoren lautet von jetzt an „Herr Professorin“. Auch für Studenten ist das grammatische Femininum obli­gatorisch. Das beschloss der Senat der Universität Leipzig im Sommer 2013. Ein Aufschrei ging durch Medien und Öffent­lich­keit. Von „Gender-Wahn“ und „Gleich­stellungs-Irrsinn“ war die Rede – nicht aber davon, dass auf dem Leip­ziger Campus alles beim Alten blieb. Allein in der Grund­ordnung der Univer­sität sollte die weib­liche Form für Frauen wie für Männer gelten. Man hatte den Spieß einfach umge­dreht. Allent­halben nämlich dürfen sich Frauen einge­schlossen fühlen in Maskulina wie „Studenten“ und „Professoren“.
Varianten der Abhilfe gibt es viele: Doppel­bezeichnungen („Professoren und Professorinnen“), neutrale Formulierungen („Lehrende“), das Binnen-I („ProfessorInnen“), den Schräg­strich („Professor/innen“) oder Endungen auf X („Professx“). Derlei Wort­schöpfungen trifft ebensolche Kritik wie die Leip­ziger Initi­ativen um „Herr Professorin“. Untaug­liche Sprach­ungetüme, lautet ein beständiges Argument. Genug des Gender-Main­streamings, lautet ein anderes. Bleibt locker, möchte man seinen Mit­menschen zurufen. Diskutiert nicht über Sinn und Unsinn von „ProfessorInnen“, „Professx“ oder „Herr Professorin“! Lernt stattdessen die kreativen Spiel­räume unserer Sprache zu schätzen! Wäre da nicht die unbequeme Wahr­heit, dass frauen­feindlich ist, was bei Männern komisch, bizarr oder beleidigend wirkt. Und würde die Empörung um „Herr Professorin“ diese still­schweigende Wahr­heit nicht bestätigen.