Bücherregal

Fundstücke

„Alle glück­lichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Mit diesem Satz beginnt Lew Tolstois Sitten­gemälde „Anna Karenina“ und ich finde – das ist einer der groß­artigsten Roman­anfänge der Literatur.

Lew Tolstoi, „Anna Karenina“. Übersetzt von Rosemarie Tietze und erschienen im Carl Hanser Verlag, München.

„Es brausen Ströme von Neon­licht in Eises­kälte durch Eissalons, durch Tanz­hallen. Es hängen Trauben von summendem Licht an Peitschen­masten über Mini­golf­anlagen. Ein flimmernder Kälte­strom.“ So funkt­ioniert Wort­malerei. Bei Elfriede Jelinek, im Roman „Die Klavier­spielerin“.

Elfriede Jelinek, „Die Klavier­spielerin“. Erschienen im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.

„Ich habe gehen gelernt: seit­dem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt: seit­dem will ich nicht erst gestoßen sein, um von der Stelle zu kommen. Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich.“ Lassen Sie diese Worte auf sich wirken. Sie finden sie in Fried­rich Nietzsches „Also sprach Zarathustra“.

Fried­rich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“. Erschienen im Deut­schen Taschen­buch Verlag, München.

„Im Abendrot leuchtet alles im ver­führerischen Licht der Nostalgie, sogar die Guillo­tine.“ Diese Melange aus Senti­ment und pochendem Unbe­hagen gelingt Milan Kundera in „Die uner­trägliche Leichtig­keit des Seins“.

Milan Kundera, „Die uner­trägliche Leichtig­keit des Seins“. Über­setzt von Susanna Roth und er­schienen im Fischer Taschen­buch Verlag, Frankfurt am Main.

„Da, in diesem Augen­blick, hatte sie ein strahlendes Bild gesehen; ein Streich­holz, das in einem Krokus brannte; ein beinahe voll­kommen ausge­drückter Sinn“: Schnörkel­los, einpräg­sam und nach­zulesen in Virginia Woolfs Roman „Mrs Dalloway“.

Virginia Woolf, „Mrs Dalloway“. Über­setzt von Walter Boehlich und er­schienen im Fischer Taschen­buch Verlag, Frankfurt am Main.

„Die Atmos­phäre ward über die Wolken Herr und der Abend gar schön.“ Mehr als zwei Jahr­hunderte alt und voller Aus­druck: Goethes Reise­bericht vom 11. September 1786.

Johann Wolfgang von Goethe, „Itali­enische Reise“. Erschienen im Fischer Taschen­buch Verlag, Frankfurt am Main.

„Er fühlt etwas wie Dankbar­keit dafür, daß es in seinem Leben etwas gegeben hat, was er, wenn er es aus­drücken könnte, Glück nennen würde. Er stößt seine Tür auf und geht hinein.“ So endet Christa Wolfs nach­gelassene Erzählung „August“ – und unser Streif­zug durch beredte Fund­stücke der Literatur.

Christa Wolf, „August“. Erschienen im Suhr­kamp Verlag, Berlin.